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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Michael Roth, Die Bibel als Gefahr für die Ethik. Ein systematisch-theologischer Klärungsversuch, Zürich 2026

Roth ist der Meinung, dass wenn man nur mit der Bibel im ethischen Diskurs argumentiert, die rationalen Standards einer ethischen Diskussion nicht mehr eingehalten werden können. Er spricht davon, dass dann das ethische Argument durch einen assoziativen, methodisch unkontrollierten und daher willkürlichen Bezug auf biblische Texte ersetzt wird. Der Autonomieanspruch der Ethik geht flöten und an seine Stelle tritt eine Heteronomie, bei der vorgegeben wird, dass man sich von der Bibel bestimmen lässt, während man in Wahrheit nur die den eigenen Interessen entsprechende Auslegung abliefert. Das Auslegungsinteresse bestimmt also das Ergebnis der Auslegung. Dadurch, so führt Roth aus, tut man nichts anderes, als sich für die eigene Position die Autorität der Bibel zu verschaffen ohne dabei wirklich vernünftig zu argumentieren. So wird die Bibel zum Instrument, um über andere Menschen Macht zu gewinnen. Er spricht hier darüber hinaus von einer unprotestantischen Verortung der Bibel. Denn die biblischen Texte sind für ihn nicht Gegenstand des Glaubens, sondern dienen der Kommunikation des Evangeliums. Darum ist die grundlegende Frage für ihn nicht die Frage nach der Bedeutung biblischer Texte für die theologische Ethik, sondern nach der Bedeutung des Glaubens für die theologische Ethik. Dabei hält er an der Autonomie des ethischen Subjektes fest, das sein ethisches Urteil aufgrund eigenen Verstehens und Einsicht bildet und nicht aufgrund des Gehorsams zu einer Autorität, sei es nun die Autorität von Bibel- oder Glaubenswissens. Im Hinblick auf die Bibel verweist er darauf, dass deren Texte nicht als ethische Texte konzipiert, dass sie widersprüchlich und plural sind und verweist außerdem auf deren zeitlichen Abstand zu unserer Gegenwart. Er argumentiert auch gegen eine Ethik aus Glaubenswissen heraus, also gegen eine rein dogmatische Ethik. Religion und Glauben haben bei ihm aber Bedeutung in einer Schule des Sehens und Wahrnehmens, bevor es überhaupt zu einer ethischen Argumentation kommt, wobei er das nicht rein subjektiv sieht, sondern Christen sind auch Teil einer übergreifenden Wahrnehmungs- und Orientierungsgemeinschaft. Außerdem sollte in einer christliche Ethik auch eine ethische Aussage vor der christlichen Tradition verantwortet werden können. Man kann sie ihr zuordnen oder nachweisen, dass man ihren Geist nicht verlassen hat, auch wenn es zu neuen Bewertungen kommt.

Also für Roth ist klar: Eine Ethik, die sich nur auf die Bibel beruft, ist defizitär, autoritär, verwirrt und eigentlich zum Scheitern verurteilt. Das Bibelstudium in einer christlichen Auslegung kann den Christen aber mit in eine Bewegung bringen, in eine Atmosphäre versetzen, in dessen Fahrwasser er dann vernünftig argumentiert, oder sozusagen in diesem christlichen Geist. Christen bringen als Ihren Lebens- und Glaubenshintergrund in die ethische Urteilsbildung und in den ethischen Diskurs mit ein.

Die inhaltliche Orientierungshilfe durch die Bibel ist in dem Essay meiner Meinung nach unterbestimmt. Man kann z.B. nicht einfach pauschal sagen, dass das Auslegungsinteresse immer die Auslegung völlig bestimmt. Inhaltliche Orientierungspunkte in der Bibel, wie z.B. Gerechtigkeit, dass man Schwache nicht ausbeuten und fertig machen, sondern voll in die Gemeinschaft integrieren sollte, aber auch z.B. Barmherzigkeit und vieles mehr, was sich durch die ganze Bibel zieht, sehe ich hier nicht einfach nur in der Bibel, weil ich vielleicht einen Gerechtigkeitsfimmel habe, sondern weil es den Menschen der Bibel wichtig war. Mit solchen allgemeinen Werten findet man dann natürlich auch Anknüpfungspunkte bei Menschen, die keine Christen sind. Aber klar ist auch: Eine Orientierungsboje allein ist im ethischen Anwendungsfall noch kein ausgearbeitetes Argument und ethisches Vorbild ist nicht der, der alles macht, was ihm gesagt wird, sondern der, der sich selbst viele Gedanken gemacht hat und in sein ethisches Urteil seine eigene Lebenserfahrung mit einbringt. Vielleicht braucht es hier noch einen weiteren Essay: Die Bibel als Chance für die Ethik.

Ein spannender, zum Nachdenken anregender Beitrag von Roth, der durchaus auch wichtige Einsichten vermittelt.

Jürgen Czogalla, 28.06.2026

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