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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Michael Roths Kritik an einer dogmatischen Ethik

Roth formuliert sein Kritik am Beispiel des Themas des assistierten Suizides, in dem er unter anderem die Argumente von Günther Thomas dazu prüft („Im Raum der Barmherzigkeit Gottes leben und sterben, ThBeitr 52 (2021) S. 173 -190“). Roth fällt auf, dass es Thomas gar nicht darum geht, die Facetten der Situation wahrzunehmen, die den Suizidwilligen bewegen, und sich mit seinen Gründen auseinanderzusetzen, sondern es wird der Versuch unternommen den Suiziwilligen allein mit theologischen Gründen zu bewegen. Thomas ist nämlich der Meinung, dass der Suizidentscheid und die Suizidassistenz der aufrichtenden Barmherzigkeit Gottes widerspricht. In diesem Lichte habe kein Mensch das Recht, das Urteil nicht lebenswert oder todeswürdig über sich selbst oder andere zu treffen. Für Roth wird hier die dogmatische Argumentationsweise besonders deutlich. Dass der Todeswunsch ein Fehlurteil ist, wird nicht durch die Analyse der Situation ausgewiesen, sondern durch die Deduktion aus einem dogmatischen Satz. Der Sterbewillige soll ihn einfach übernehmen ohne dabei angeleitet zu werden, seine Situation vielleicht neu oder anders zu verstehen. Bei genauerem Hinsehen ist die Beurteilung von Thomas, so Roth, auch nicht wirklich überzeugend. Es ist ja ein Unterschied, ob ich sage ein Leben sei nicht wertvoll oder ob ich sage, ein Leben sei wegen großer Schmerzen unerträglich. Es impliziert auch nicht, dass andere in der gleichen Situation es unbedingt genauso sehen müssen, wie der Sterbewillige. Und warum soll aus der Barmherzigkeit Gottes, der menschliches Leben gewährt, die Pflicht zu leben folgen? Könnte mit der Barmherzigkeit Gottes nicht ebenso vereinbar sein, unerträgliches Leiden zu beenden? Für Roth ergibt sich daraus die fatale, fast zynische Konsequenz, dass dem Sterbewilligem die Information entgegengehalten wird, dass er sich weiter entsetzlich abquälen muss, weil das die Konsequenz der göttlichen Barmherzigkeit ist. Außerdem werden aus dogmatischen Aussagen über Gott Sollens-Aussagen und ethische Pflichten gefolgert, was Roth für nicht zulässig hält.

Jürgen Czogalla

28.06.2026