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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Julian Nida-Rümelin, Eine Theorie praktischer Vernunft, Berlin/Boston 2020

Nida-Rümelin fasst hier seine Theorie praktischer Vernunft in einer Monographie zusammen, die er vorher in mehreren kleineren Schriften sozusagen stückweisse vorbereitet hat. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die strukturelle Rationaliät, bei der es um die Einbettbarkeit einer Handlung in eine umfassendere Praxis geht. Es kann danach vernünftig sein, etwas zu tun, weil es Teil einer Handlungsstruktur ist, für die es gute Gründe gibt. Dabei wendet er sich sowohl gegen den radikalen Reduktionismus des Konsequentialismus, dem es letztlich nur um Optimierung geht, aber auch gegen eine einseitige Deontologie, die sich z.B. an Kant orientiert. Dabei sieht er seine praktische Philosophie als eine Fortsetzung, Systematisierung und Rationalisierung unserer lebensweltlichen Praxis – einer Praxis des Gründe-Gebens und -Nehmens -, aber keiner Neukonstruktion, die sozusagen alles hinterfragt und niederreißt, um dann zu versuchen, alles rational wieder neu „vernünftig“ aufzubauen. Er präsentiert seine Theorie als die bessere Alternative des in der Ethik weit verbreiteten Rationalismus. Sie ist objektiv-normativ realistisch (nicht naturalistisch), vertraut auf die Vernunftfähigkeit des Menschen und besitzt dabei pragmatische Züge. Zudem ist sie im Gegensatz zu anderen Theorien im Rahmen der neueren entscheidungs- und spielteorethischen Erkenntnissen plausibel: Kooperatives Verhalten erscheint hier nämlich dann nicht letztlich als irrational, wie etwa bei Theorien die das Eigeninteresse präferieren, sondern als durchweg rational-vernünftig begründbar. Gründe sind für ihn insofern objektiv, als sie von jeweiligen Präferenzen der handelnden Personen unabhängig sind. Gründe bilden ein komplexes Ganzes, was sich in der wechselseitigen Bedingtheit rationaler Überzeugungen und Handlungen, sowie rationaler, emotiver Einstellungen, vor allem aber in der Gestaltung der individuellen Lebensform als ganzer, zeigt. Nida-Rümelin spricht daher treffend von der Einheit der Vernunft. Ziel ist es, dass die Praxis als ganze, sowohl die einer Person, wie einer Gesellschaft, vernünftig ist. Jede Person muss die normativen und empirischen Erwartung soweit integrieren, dass ihre Praxis insgesamt stimmig ist. Zentral ist das Phänomen der Kooperation: Es ist vernünftig sich gegen eine individuelle Interessenoptimierung und für den eigenen Beitrag für eine wünschenswerte gemeinsame Praxis zu entscheiden. Kooperation ist für ihn ein paradigmatischer Fall von struktureller Rationalität und kann von individualistisch verfassten Rationalitätstheorien nicht plausibel erfasst werden. Das gilt aber zum Beispiel ebenso für die Phänomene der Ehrlichkeit und Fairness. Vernünftige Praxis zeichnet sich außerdem durch eine Kohärenz über verschiedene Zeitpunkte hinweg aus, die strukturell dieselben Eigenschaften hat wie interpersonelle Kooperation (diachrone Kohärenz). Dabei erweist sich die hier präferierte strukturelle Rationalität als unvereinbar mit punktueller und konsequentialistischer Optimierung und bietet hierzu eine kohärentistische Alternative. Dabei äußert sich die Freiheit des Individuums dadurch, dass es für praktische Überlegungen selbst die Verantwortung hat, dass es selbst Autor seines eigenen Lebens ist. Eine abwegige Gegenüberstellung von Rationalität und Vernunft ist es für Nida-Rümelin, wenn man Rationalität als bloße Mittelwahl und Vernunft als Merkmal der Zielbestimmung auszeichnet. Es gilt vielmehr, dass eine Handlung strukturell rational ist, wenn sie sich in wünschenswerte Strukturen der Praxis einbetten lässt. Was wünschenswert ist, wird in Deliberation praktischer Gründe ermittelt. Eine Begründung ist nur dann erfolgreich, wenn über den Sachverhalt, der zur Begründung angeführt wird Übereinstimmung z.B. zwischen zwei deliberierenden Personen besteht. Gründe haben also propositionalen Gehalt und sind immer objektiv. Handeln ist für Nida-Rümelin immer Ergebnis einer beurteilenden, bewertenden Stellungnahme. Die Fähigkeit zur Distanzierung von den eigenen Interessen ist für ihn wesentliches Merkmal einer rationalen Person. Das lebensweltlich etablierte Spiel des Gründe-Nehmens und -Gebens gilt für ihn gleichermaßen für theoretische, als auch für praktische Gründe. Die Quelle der Normativität liegt in dieser Sicht in der lebensweltlichen Sprach- und Interaktionspraxis und nicht in einem von außen sozusagen herangetragenen ethischen Prinzips.

Für mich ist Nida-Rümelins tiefschürfendes Buch die wichtigste Publikation zur praktischen Philosophie 2020, zumindest für den deutschsprachigen Raum. Die Herangehensweise an praktische Fragen unter dem Banner struktureller Rationalität macht Sinn und steht mit beiden Beinen in der lebensweltlichen Praxis und damit nahe bei den wirklichen Problemen und bietet als Ergebnisse der Deliberation nicht die Extreme und die Lebenswelt zum Teil ignorierenden und wenig einleuchtenden Lösungsversuche etwa rein utilitaristischer oder deontologischer Denkungsart. In der Lebenswelt fest verwurzelt heißt aber jetzt nicht, dass das was ist sozusagen immer nur bestätigt wird. Zur Lebenswelt gehört es dazu, dass sie durch Gründe auch immer wieder fortentwickelt wird, es entsteht so immer wieder Neues, Bewährtes dient als Grundlage – ein affiziertes Hinterfragen von allem und jedem etwa wie bei Descartes macht nach Nida-Rümelin nicht wirklich Sinn - und wird solange nicht hinterfragt, solange es allgemein als unbezweifelt gilt. Unsere Lebenswelt transzendiert sich sozusagen auch immer ständig weiter. Ganz leicht zu lesen ist das Buch nicht, es ist eigentlich mehr an ein Fachpublikum gerichtet und setzt sich fulminant für eine Wende in der ethischen Theorie ein – und das finde ich ungemein spannend. Vor allem nimmt der Autor immer wieder auch auf aktuelle ethische Standpunkte Bezug und Stellung und zeigt sich damit sozusagen auf der Höhe der Zeit. Interesant fand ich außerdem die vielen Berührungspunkte von Nida-Rümelins Ansatz mit der Stoa, auf die er selbst immer wieder hinweist. Grenzwertig dagegen ist es für mich, wenn nach 70% Lesen meines E-Books (Amazon Kindle) bereits die Anhänge beginnen.

Jürgen Czogalla, 20.08.2020

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