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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Sven Grampp erklärt die Phasen der Kultur- und Mediengeschichte bei Marshall McLuhan

Für McLuhan sind nach Grampp die medientechnischen Entwicklungen die alles entscheidenden Faktoren geschichtlicher Veränderungen und deswegen muss die Geschichte der Menschheit vorrangig auch unter diesem Blickwinkel betrachtet werden. Das versucht er dann auch selbst als Pionier zu leisten. Er unterteilt die Geschichte des Menschen demgemäß in 4 Phasen:

1. Das orale Zeitalter
Für McLuhan ist eine harmonische Wechselwirkung der Sinne der Idealzustand, der aber bereits in dieser 1. Phase gestört ist und zwar durch die Dominanz des gesprochenen Wortes im sozialen Kontakt. Zwar ist für McLuhan das gesprochene Wort das Medium, das eine Harmonie der Sinne garantiert. Als biologische Ausweitung ist das Sprechen für ihn noch der Inbegriff zur Herstellung des harmonischen Wechselspiels der Sinne. Sobald es aber zu einer sozialen Ausweitung des Sprechens kommt und der kommunikative Kontakt mit Menschen zu einer sozialen Struktur gerinnt, so Grampp, wird nach McLuhan das harmonische Wechselspiel der Sinne gestört. In den Stammesverbänden der oralen Kultur wird der Mensch durch das Wort in eine Kultur genötigt, die Individualität nicht mehr zulässt. Laut Grampp konstatiert McLuhan im oralen Zeitalter eine Dominanz des Akustischen über der des Auges.

2. Die Manuskriptkultur
Mit der Einführung der Schrift kommt es nach McLuhan, so Grampp, zu einer noch gewichtigeren Störung des harmonischen Wechselspiels der Sinne. Zwar kommt in der Manuskriptkultur die visuelle Wahrnehmung zu ihrem Recht, dafür wird jetzt aber die auditive Wahrnehmung zumindest marginalisiert, was nach McLuhan zu einer immensen Störung des Wahrnehmungsapparates führt. Durch Visualisierung der Sprache können jetzt auch komplexe Argumentationsgänge schriftlich niedergelegt werden und man kann immer wieder leicht auf sie zurückgreifen. Schrift ist also ein Medium, das nicht sofort vergeht und Raum und Zeit überbrücken kann. Die Manuskriptkultur zeichnet sich für McLuhan, so erklärt es Grampp, durch Innovation und Differenz aus, sowohl auf dem Gebiet des Wissens als auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Durch die Schrift kann sich für ihn erst so etwas wie Individualität ausbilden. Zugleich hält eine objektivierende, distanziert reflexive Perspektive auf die Welt Einzug. Anstelle von durch das Auditive garantiertes Gemeinschaftsgefühl tritt jetzt das vereinzelte, reflexive Individuum. Die Manuskriptkultur ist ein Zwischenstadium, in dem die oralen Einflüsse noch nicht vollständig verloren sind und sich die Implikationen der Schrift noch nicht vollständig durchgesetzt haben.

3. Die Gutenberg-Galaxis
Durch die Erfindung der Druckerpresse geschieht zunächst einmal eine quantitative Erhöhung der Schriftproduktion. Dadurch werden jetzt praktisch alle gesellschaftlichen Bereiche mit der Schrift konfrontiert. Das hat nach McLuhan, so Grampp, auch drastische qualitative Konsequenzen: Daten können nicht nur viel schneller am selben Ort gespeichert werden als zuvor, sondern dieselben Daten befinden sich jetzt an unterschiedlichen Orten und können schneller ausgetauscht und abgeglichen werden. Gleichzeitig werden die Wissensbestände nun ständig modifiziert und erweitert, womit eine Innovationslawine in Gang gesetzt wird. Ging es in der Manuskriptkultur noch primär um das Bewahren und Wiederholen, verschiebt sich der Schwerpunkt nunmehr auf das Neue, Differente und die Veränderung. Für McLuhan wird so nach Grampp, der Buchdruck zum Baumeister des Nationalismus, denn durch ihn setzt ein homogenisierender Formalisierungseffekt ein: Sprache wird standardisierbar und ein übergreifendes Bewusstsein für sprachliche Identität wird möglich. Ähnliches gilt für die Etablierung neuzeitlicher Wissenschaft und Philosophie: Homogenisierung von Phänomenen, Abstraktion von Gegebenem, reflexive Distanz zur Welt, Etablierung einer Objekt/Subjektspaltung und eines mechanischen Weltbildes, das vollständig quantifizierbar ist und sich mit Ursache und Wirkung vollständig beschreiben lässt. McLuhan, so weiß Grampp, konstatiert jetzt endgültig die Abwertung des Auditiven durch das Visuelle. Das Wechselspiel der Sinne ist massiv gestört und führt zu einer Betäubung des Menschen, der in einen geistigen Schlaf versetzt wird. Das alles leistet einer distanzierten, rein funktionalen Weltsicht Vorschub. Auch die Individualität wird durch den Buchdruck massiv etabliert. Insgesamt ist in dieser Phase nach McLuhan, so erklärt es Grampp, der Mensch von der Welt und dem anderen zutiefst entfremdet.

4. Das Zeitalter der Elektrizität
In dieser Phase, in der wir uns gerade befinden, ist vor allem die taktile Wahrnehmung aktiviert. Mit Taktilität bezeichnet McLuhan nach Grampp einen integrativen Wahrnehmungsmodus, der unterschiedliche Sinne verbindet und diese in harmonische Wechselwirkung bringt. Solche Wechselwirkungen sind nach McLuhan im Zeitalter der Elektrizität an der Tagesordnung. Das gilt auf der Wahrnehmungsebene z.B. durch das Fernsehen, als auch auf der Distributionsebene, denn durch Elektrizität werden die Fernen berührt und miteinander verbunden und es können eine Vielzahl von unterschiedlichen Medien rezipiert werden. Das führt zu einer noch nie dagewesenen Vermischung und Wechselwirkung medialer Sinneseindrücke. Grampp erklärt, dass McLuhan für eine solche Welt bereits ein computergestütztes Kontrollsystem imaginiert, das unterschiedliche Medien zur Herstellung eines sinnlichen, emotionalen, kognitiven und damit taktilen Gleichgewichts steuern kann. Weltgesellschaft, Noosphäre und Kybernetik synthetisiert er dann in der griffigen Phrase vom globalen Dorf, in einer Zeit, in der die Ereignisse in der Welt bereits via Satellit über Fernseh- und Radioübertragung nahezu überall zugänglich gemacht werden konnten. Im Zeitalter der Elektrizität werden für McLuhan nach Grampp nicht mehr nur Funktionen von Körperteilen und Sinnesorganen auf Medien ausgeweitet, sondern das Zentralnervensystem. So imaginiert McLuhan bereits eine umfassende Vernetzung von Kommunikations- und Wahrnehmungsprozessen. Es geht um eine weltumspannende Vernetzung, die durch Medien wie Radio, Fernsehen und Computer vorangetrieben wird, die in einem simultan operierenden globalen Dorf kulminiert. Absonderung, Distanzierung und Vereinzelung werden laut McLuhan in einer global vernetzten Welt schwerlich noch möglich sein. Jetzt entsteht ein globales holistisches Feld, in dem jede Handlung sofort eine Veränderung der Gesamtsituation generiert, in der jede Verhaltensweise im Wechselspiel zu allen anderen auf der Welt steht und zeitgleich beobachtet werden kann, wie Grampp McLuhan erklärt. Mit diesem Wechselspiel werden die Bewohner des globalen Dorfes rechnen und dementsprechend handeln. Der Katholik McLuhan, so weiß Grampp, verbindet das alles mit religiösen Gedanken und sieht die Möglichkeit einer paradiesischen Zukunft. Er sieht im Zeitalter der Elektrizität ein Streben nach Ganzheit, Einfühlungsvermögen und Erlebnistiefe, das auf eine Harmonie aller Kreaturen ausgerichtet ist. Ähnliche Gedanken finden sich bei Pierre Teilhard de Chardin, der eine Noosphäre imaginiert, aber bei McLuhan ist diese paradiesische Zukunft nicht zwangsläufig. Er sieht das globale Dorf nicht nur als Ort der Harmonie, sondern auch als Ort der Zwietracht und des Dissens. Zum einen könnte, wenn wir nicht aufpassen, durch das elektrische Zeitalter auch ein Zeitalter des Grauens anheben. Zum anderen ist Harmonie für McLuhan laut Grampps nicht Stillstand und Unifizierung, sondern die einzelnen Komponenten sind in permanenten Rückkoppelungen befangen, also in stetem Wandel. Das globale Dorf stellt eine Vernetzungsart dar, die Spannungen und Differenzen gerade nicht verhindert, sondern ständig hervorbringt. Die Harmonie besteht darin, dass die einzelnen Komponenten der vernetzten Welt aufeinander reagieren und permanent ausgerichtet werden. Ein heilsgeschichtlicher Endpunkt ist dabei nicht vorgesehen.

Jürgen Czogalla

10.08.2025