Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Dagmar Fenner, Einführung in die Angewandte Ethik, Tübingen 2010

Das Buch behandelt die Grundlagen der Angewandten Ethik auch mit Referierung wichtiger Ethikkonzepte in einer Einführung und schließlich die Bereichsethiken selbst: Medizinethik, Naturethik, Wissenschaftsethik, Technikethik, Medienethik und Wirtschaftsethik in je eigenen Kapiteln. Als übergreifende Rahmentheorie hält Dagmar Fenner übrigens die Diskursethik für besonders geeignet. Hier gilt eine Norm dann als ethisch legitim, wenn alle Betroffenen im Durchlauf durch einen praktischen Diskurs ihr zustimmen, bzw. zustimmen könnten. Der stattfindende Diskurs muss natürlich dabei bestimmten Bedingungen genügen: Alle die sprach- und handlungsfähig sind, dürfen an ihm teilnehmen und dabei ihre Interessen und Bedürfnisse äußern, alle Teilnehmer des Diskurses erkennen sich wechselseitig als zurechnungsfähig, wahrhaftig und vernünftig an, es wird kommunikativ und nicht strategisch gehandelt: Alle Ansprüche müssen argumentativ begründet sein und das Ziel des Diskurses ist der Konsens. Da es hierbei aber keine wirklichen Kriterien für die Güte der Argumente gibt, hält die Autorin die Diskursethik für ergänzungsbedürftig durch konsequentialistische, utilitarische und deontologische Argumentationsformen, sowohl als auch durch Gerechtigkeitstheorien (arithmetische – alle sind gleich zu behandeln, geometrische – Unterschiede nach relevanten Kriterien und schützende – Schutz schwächerer Mitglieder, bzw. nicht sprachfähiger Entitäten). Diese Rahmentheorie wendet dann Fenner auch immer wieder anschaulich bei ihrer Darstellung der Bereichsethiken an. Da die Autorin selbst zugegebenermaßen keine Expertin in allen Bereichsethiken ist, gibt sie in ihrem Vorwort an, an welche Koryphäen der jeweiligen Teilbereiche sie sich gewendet hat, damit sie Unterstützung in der Zusammenarbeit mit ihnen erfährt (Georg Marckmann für Medizinethik, Hans Lenk für Wissenschaftsethik, Günter Ropohl für Technikethik, Rüdiger Funiok für Medienethik und Peter Ulrich für Wirtschaftsethik). Dagmar Fenner spricht davon, ihre hochkarätigen Helfer hätten ihr Manuskript durchgesehen und sie mit Kommentaren und Anregungen bezüglich Korrektheit und Aktualität unterstützt. Trotzdem ist und bleibt sie natürlich alleinige Autorin dieses Buches. Das ist durchaus ein bisschen ungewöhnlich, denn die Bücher die einen Überblick über angewandte Ethik liefern und die ich bisher gelesen habe, stammen allesamt von mehreren Experten, die sich jeweils um die Darstellung einer Bereichsethik, nämlich ihres jeweiligen Spezialgebietes, gekümmert haben. Das führt dann unausweichlich immer wieder zu einer gewissen Unausgewogenheit bei diesen Büchern: Die inhaltliche und didaktische Qualität unterscheidet sich von Bereichsethik zu Bereichsethik und die Experten verlieren sich öfters mal im Detail. Das ist in diesem Buch erfreulicherweise nicht der Fall: Die Autorin hält eine gesunde Mitte in der Tiefendarstellung und langweilt nicht mit irgendwelchen Spezialfällen, die nur die Experten interessieren. Dabei ist ihre Darstellung aber auch nicht oberflächlich und man erhält mit diesem Buch schon deutlich mehr als einen bloßen Überblick. Als ganz herausragend empfinde ich aber die didaktische Aufbereitung des Buches: Eine klare, einfache Sprache mit gut nachzuvollziehbaren Argumenten und immer wieder die Zusammenfassung von Argumenten in grafisch schön gestalteten Schaubildern und Tabellen. Schließlich bringt sie auch immer wieder grafisch sehr schön gestaltete Anschauungsbeispiele, deren Problematik sie dann im Verlauf ethisch aufrollt, bzw. bewertet. So ist es eben auch ein Buch geworden, das nicht nur Akademiker mit Genuss lesen können. Aber ein bisschen mitdenken muss man natürlich schon, also ganz simpel ist die Lektüre dennoch nicht. Was mir auch noch sehr gut an diesem Buch gefallen hat ist, dass die Autorin auch immer wieder selbst klar Stellung zu ethischen Problemen bezieht und den Leser mit Wischi-Waschi-Aussagen verschont. Auch ein ausführliches Literaturverzeichnis ist beigegeben, das aber nicht mehr so ganz aktuell ist, da das Buch bereits 2010 erschienen ist. Trotzdem ist dieses Buch nach wie vor meinem Empfinden nach von seiner Aktualität her durchaus insgesamt noch top. Als einzig winzig kleiner Wermutstropfen bleibt, dass die Autorin an zwei- drei Stellen sehr kurze englische Zitate bringt die sie nicht übersetzt. Unschön, aber hier noch verschmerzbar.

Insgesamt ein ganz ausgezeichnetes Buch um sich vertiefende Einblicke in die aktuelle Forschungslage der Angewandten Ethik zu verschaffen. Ein besseres einführendes Buch zu diesem Thema kenne ich derzeit nicht.

Jürgen Czogalla, 04.08.2015

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