Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Luciano Floridi, Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert, Berlin 2015

Floridi geht es darum die Auswirkungen der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien auf unsere Gesellschaft und die Art, wie wir mit ihnen leben unter die Lupe zu nehmen – in Gegenwart und Zukunft. Dabei stellt er aber auch die geschichtlichen Etappen davor dar, die er als Vorgeschichte und Geschichte benennt. Unseren heutigen Gesellschaften bescheinigt er, dass sie in eine, wie er es bezeichnet, hypergeschichtliche Phase eintreten, eine Phase, in der unsere Gesellschaften ohne digitale Informations- und Kommunikationstechnologien nicht mehr lebensfähig sind (während Wohlstand und Wertschöpfung in der vorgehenden geschichtlichen Phase lediglich in enger Verbundenheit zu - nicht unbedingt nur digitalen – Informations- und Kommunikationstechnologien befunden hätten). Er betrachtet dann sozusagen die Umwelt, den Raum, in dem sich diese Abhängigkeit entwickelt und die er als Infosphäre bezeichnet. Wie es sich mit unserer Identität und unserem Selbstbild in dieser hoch digitalisierten Umwelt verhält, untersucht er dann in dem Kapitel „Onlife“. Mit dem Begriff Onlife versucht er die Tatsache zu fassen, dass sich in modernen Gesellschaften unsere Real-Life-Welt mit der Online-Welt immer mehr zu verschmelzen beginnt, ermöglicht durch eine hoch digitalisierte Technologie, die immer besser und zunehmend transparenter werdende Schnittstellen zu unserer Real-Life-Welt liefert. In einem weiteren Kapitel schließlich spricht er von einer vierten Revolution – nach der Kopernikanischen (die Erde ist nicht mehr Mittelpunkt des Universums), der Darwinischen (der Mensch ist aus der Natur im Laufe der Geschichte organisch hervorgegangen) und der Freudianischen (der Mensch ist nicht wirklich der souveräne Herr seiner Psyche) – nun die Einsicht, dass der Mensch von seiner Natur her ein Wesen mit informationeller Identität ist und darin einigen der smartesten Dinge, die wir selbst hervorgebracht haben, gleicht. Er gibt dem Menschen in diesem Zusammenhang die Bezeichnung eines „Inforgs“. In weiteren Kapiteln geht er dann den Auswirkungen der neuen digitalen Techniken auf die Privatsphäre, Intelligenz, der Umweltgestaltung, der Politik, der Natur und Ethik nach.

Das Buch von Floridi ist ein populärphilosophisches Werk im besten Sinne: Verständlich geschrieben und strukturell gut aufgebaut, übersichtlich und immer wieder mit anschaulichen Diagrammen angereichert (die in meiner E-Bookausgabe des Buches aber leider oft zu klein abgebildet und manchmal wirklich kaum noch lesbar sind – das wurde also nicht wirklich gut für E-Books angepasst). Er macht Entwicklungen deutlich, die sich in hochmodernen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten sozusagen schleichend eingestellt haben – so lange gibt es PC, Internet und Smartphone ja noch gar nicht -, schleichend deswegen, weil sich die digitalen Techniken unseren Lebensgewohnheiten so gut anpassen und unsere Möglichkeiten sich dadurch erstaunlich transparent erweitern lassen. Das Buch hilft also tatsächlich dabei, eine sich gerade rasant entwickelnde Umwelt besser zu verstehen, gibt Ausblicke zu weiteren Entwicklungen und zeigt die Unterschiede zu früheren Zeiten auf, in der das Digitale noch gar nicht präsent war und in die sich von einem aktuellen Standpunkt hineinzuversetzen sicher nicht leichter werden wird, wenn die digitale Entwicklung weiter so rasant fortschreitet. Ein bisschen zu kurz geraten ist meiner Meinung nach das letzte Kapitel des Buches, überschrieben mit „Ethik“. Das ist meiner Meinung nach denn doch etwas dürftig geraten. Trotzdem natürlich immer noch ein gutes Buch, zu dessen verstehender Lektüre kein philosophisches Vorwissen nötig ist.

Jürgen Czogalla, 26.10.2015

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