Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Nikil Mukerji, Einführung in die experimentelle Philosophie, Paderborn 2016

Die experimentelle Philosophie ist ein noch ganz junger und nicht ganz unumstrittener Forschungszweig der Philosophie. Von der traditionellen Philosophie spricht der Autor die klassische Lehnstuhlphilosophie (hier werden philosophische Fragen ausschließlich mithilfe von apriorischen Methoden beantwortet) und die analytische Philosophie (hier werden philosophische Fragen ausschließlich mithilfe apriorischer Methoden und insbesondere durch methodische Verwendung von Intuitionen über Gedankenexperimente bearbeitet) an und stellt Anknüpfungspunkte für empirische philosophische Überprüfung heraus: Sie können relevant sein wenn sie Rückschlüsse über die Verlässlichkeit von den Intuitionen ermöglichen, auf denen philosophische Argumentationen beruhen. Dadurch können gegenläufige philosophische Argumente neu gewichtet werden. Argumente, die auf Intuitionen beruhen, die Experimente in Zweifel ziehen, sind dann natürlich weniger glaubwürdig. Außerdem können experimentelle Befunde noch dabei helfen klassische philosophische Fragestellungen besser zu verstehen, indem sie die Alltagsbedeutung zentraler philosophischer Begriffe herausarbeiten und schauen ob philosophische Argumente nicht etwa zu wenig Anknüpfungspunkte an die wirkliche Lebenswelt haben. Nach Meinung des Autors muss eine philosophische Konzeption, die mit unserer Lebenspraxis und Selbstwahrnehmung zu tun hat, auch das aufnehmen, was wir mit diesen Dingen verbinden. Danach gibt der Autor Beispiele aus der Forschung auf den Gebieten „Wissen“, „Bedeutung“, und „Willensfreiheit“. Die Vorgehensweise dabei ist im Grunde immer die, dass Probanden mehrere kurze Problemgeschichten vorgelegt werden, die sie nach einem bestimmten, vorgegebenen Werteschema einordnen müssen, sodass man etwa bewerten kann, von welchen Intuitionen sie geleitet sind, bzw. wie sie bestimmte Begriffe interpretieren. Das wird dann statistisch ausgewertet und anschließend Rückschlüsse z.B. auf die Verlässlichkeit einer Intuition gezogen. In einem letzten Kapitel widmet sich der Autor schließlich möglichen Einwänden, die gegen eine experimentelle Philosophie sprechen und sucht sie zu entkräften.

Das Buch ist eine gute Einführung, die verständlich über die Grundlagen der experimentellen Philosophie informiert. Ganz überzeugen konnte der Autor mich allerdings nicht davon, dass deren Ergebnissen nun ein besonders starkes Gewicht zukommen sollte, selbst wenn natürlich einige Ergebnisse der empirischen Forschung durchaus interessant sein mögen. So muss philosophische Reflexion nicht gleich falsch oder unglaubwürdig sein, wenn sie unserer Lebenspraxis oder Selbstwahrnehmung in Teilen gegenläufig ist und auch eine noch so empirisch als verlässliche ausgewiesene Intuition kann im Extremfall auch einmal schlichtweg falsch sein. Letztlich kann durch empirische Philosophie allein der richtige Weg nicht ausgewiesen werden und eine zu starke Orientierung an ihr kann meiner Ansicht nach bedeuten, dass sich hier besonders engagierte Philosophen in ihrer Arbeit nur noch von Statistiken bestimmen lassen. Das ist allerdings nicht nur sehr dürftig, sondern führt dazu, dass man nur noch im Geläufigen philosophiert. Das Geläufige muss aber gerade nicht in eine wünschenswerte (Ethik) oder richtige Richtung (theoretische Philosophie) weisen.

Das Buch ist reich an unübersetzten englischsprachigen Zitaten und empfiehlt sich daher nur Lesern, die dieser Sprache auch mächtig sind. Ansonsten entgehen ihnen durchaus auch mal wichtige Gedankengänge.

Jürgen Czogalla, 05.11.2016

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