Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Maria-Sibylla Lotter: Die Bedeutung von Schamkonflikten für die moralische Entwicklung

Scham können wir nicht nur dann empfinden, wenn wir die Missbilligung anwesender Personen erfahren oder wir uns der Verletzung bewusst bejahter Werte schuldig machen, weiß die Autorin. Denn jeder würde ja auch etwa die unangenehme Situation kennen, in der er von Scham ergriffen wird ob einer Handlung, die einer Verhaltensregel zuwiderläuft, die er ja eigentlich gar nicht mehr akzeptiert. Dann wird das Schamgefühl zu einer echten Plage. Die Scham verweist jetzt auf Gefühle die sich unserer bewussten moralischen Reflexion entziehen und doch irgendwie zu uns selbst gehören. Hier machen sich Ideale bemerkbar, die wir bewusst eigentlich nicht bejahen. Wer nun meint, das Selbst einer Person sei identisch mit bewussten, rationalen Überzeugungen, dem erscheinen solche Gefühle dann als etwas Fremdes, womöglich Neurotisches. Aber laut Frau Lotter ist die normative Identität nicht einfach mit der bewussten Selbstbeschreibung identisch. Oft kann sich hier ein emotionaler Widerstand gegen ein konventionelles Bewusstsein zeigen. Es kann sich also um eine Äußerung einer inneren moralischen Auseinandersetzung handeln, um ein vages Bewusstsein ungeklärter moralischer Probleme. Schamgefühle können also auch Ausdruck von moralischen Skrupeln gegenüber von Regeln des unmittelbaren sozialen Umfeldes sein. Dann sind sie Anzeichen von inneren Widerständen gegen Lebenslügen und können einen moralischen Lernprozess des Schambetroffenen auslösen in dem er dazu animiert wird, das eigene Selbstbild zu hinterfragen und aus dem Prozess womöglich als veränderte Person hervorzugehen. Auch das Beispiel vorbildlicher Menschen kann Scham an eigenen Verhältnissen auslösen und zu einer Verhaltensänderung führen.

Jürgen Czogalla

14.04.2012