Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, Berlin 2016

Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral zu schreiben, bedeutet hunderttausende von Jahren in der Vergangenheit sozusagen archäologisch tätig zu werden und zu schauen wie dieses Wunder der menschlichen Moral im Laufe der Evolution entstanden ist. Das scheint auf den ersten Blick denn doch eine etwas märchenhafte Geschichte werden zu müssen, denn lebende Exemplare des Frühmenschen liegen uns zur Beobachtung leider nicht mehr vor. Wie sich deren Welt neu erschließen? Tomasello tut dies in dem er zum einen einmal unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen betrachtet, zum anderen die ökologischen Verhältnisse von vor etwa 400000 Jahre zu rekonstruieren sucht, und auch in dem er Beobachtungen an Kindern insbesondere bis zu 3 Jahren mit berücksichtigt, die noch nicht wirklich kulturell geprägt sind. Er stellt fest, dass Menschenaffen zweckrationale Lebewesen sind, deren Sozialleben hauptsächlich durch Konkurrenz geprägt ist. Sie zeigen dabei Mitgefühl für enge Verwandte und Freunde und helfen manchmal auch Freunden in der Not, wenn sie diese Hilfe nicht zu viel kostet. Zwar jagen etwa Schimpansen und Bonobos gemeinsam, aber nur sehr eingeschränkt kooperativ strukturiert. Einen Sinn für Fairness scheint es bei ihnen nicht zu geben. Der Frühmensch wurde durch ökologische Bedingungen dagegen zur gemeinschaftlichen Nahrungssuche gezwungen, die Individuen waren hier um überleben zu können, sehr stark wechselseitig aufeinander angewiesen und entwickelten darum Mitgefühl für das Wohlergehen potentieller Partner. Tomasello spricht davon, dass sich bald eine Zwei-Ebenen-Struktur gemeinschaftlicher Intentionalität ausbildete: Ein gemeinsamer Akteur namens „wir“, der zwei interdependente Partner „ich“ und „du“ umfasste. In der Zusammenarbeit hatte jeder Partner seine Rolle um den gemeinschaftlichen Erfolg zu sichern. Den Partnern war die Wichtigkeit dieser Rollen bewusst und auch, dass sie akteursunabhängig und austauschbar waren, so entwickelte sich ein Sinn für Partner-Äquivalenz aus einer Art von „Vogelperspektive“. Es entwickelte sich ein Gefühl gegenseitigen Respekts, Trittbrettfahrer wurden ausgeschlossen. Der Frühmensch entwickelte eine kooperative Identität. Außerdem entwickelten sich Verpflichtungen um gemeinschaftliche Tätigkeiten selbst zu regulieren. Hielt sich ein Partner nicht an seine ideale Rolle wurde mit Protest reagiert, der respektvoll eine Verhaltenskorrektur verlangte, was dieser dann auch tun musste, um nicht seine kooperative Identität als sozusagen tugendhafter Partner zu verlieren. Es ist eine Korrektur nicht bloß aus Angst vor Strafe, sondern weil der Protest als berechtigt erkannt wurde. Man begann sich für den anderen verantwortlich zu fühlen und auch Schuld zu empfinden. Jeder Partner tritt sozusagen einen Teil der persönlichen Kontrolle über seine Handlungen an den gemeinsamen Akteur ab, dessen konstitutiver Teil er selbst ist. Es entstehen zwei zweitpersonale Akteue die ihre Zusammenarbeit durch normative, selbst vereinbarte und unparteiische Ideale selbst regulieren. Vor etwa 100000 begannen sich die Menschen dann in größeren Stämmen zu organisieren und es entwickelte sich der moderne Mensch, der sich an der Gruppe ausrichtet, weil er weiß, dass er mehr von dieser abhängt als diese von ihm. In der Gruppe handelte man besonders mitfühlend, misstrauisch und nicht hilfsbereit war man gegenüber den Barbaren da draußen. Den Handlungen liegt jetzt ein Gefühl für den gemeinsamen kulturellen Hintergrund zugrunde, dessen Resultat gemeinsame Kulturpraktiken gewesen sind. Diese schufen die Bedingungen um eine objektive und unparteiische Weltsicht zu konstruieren, was auch zu einer Objektivierung von Rollenidealen zu richtigen und falschen Handlungsweisen führte. Es bilden sich bald soziale Normen und Institutionen heraus. Das Individuum respektierte und verinnerlichte die objektiven Werte der Gruppe, stellte sie aber gleichzeitig in Frage, wo nötig. Es bildet sich eine moralische Identität. Im Laufe der Zeit setzten sich Kulturgruppen durch, deren Normen und Institutionen effektiver waren als bei anderen. So die Geschichte in Kürze, wie sie Tomasello dem Leser erzählt. Das Ganze reichert der Autor immer wieder auch mit empirischen Belegen an. Auf mögliche Kritiker seines Ansatzes geht er ein.

Für mich ist dieses Buch eines der absoluten Highlights dieses Jahres. Der Autor schreibt konzentriert, dabei verständlich und ohne lange abschweifende Anekdoten. Sein interdependenzhypothetischer Ansatz kann durchaus überzeugen und macht die Moralentwicklung nachvollziehbar. Besonders sympathisch und auch aufbauend ist für mich die Erkenntnis, dass eben doch nicht das Eigeninteresse primär für die Entwicklung unser Moral ist, sondern die Kooperation. Menschen haben sich also primär dazu entwickelt um andere wertzuschätzen und in ihr Wohlergehen zu investieren. Und eben diese Entwicklung hat letztlich bewirkt, dass sie nicht ausgestorben sind und überlebt haben.

Auf der anderen Seite habe ich aber dennoch den Eindruck, dass die Theorie im Moment noch etwas dünn ist. Was mir fehlt ist eine vertiefte Berücksichtigung der Ängste, Sehnsüchte und Wünsche des Menschen, die sich empirischen Experimenten letztlich entziehen und für die man den Menschen als Ganzen einfach in den Blick nehmen muss.

Fazit: Junges Forschungsfeld und deren Ergebnisse faszinierend dargestellt!

Jürgen Czogalla, 15.10.2016

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